Soli und Redebeitrag bei Pro-Choice Demo in Münster

Am Samstag, den 22.03. fand in Münster eine Demonstration für ein selbstbestimmtes Leben und eine herrschaftsfreie Gesellschaft statt. Anlass war der jährlich stattfindende „1000 Kreuze Marsch“ radikal fundamentalistischer, christicher Abtreibungsgegner*innen.
Ihr Marsch endete beim Kardinal von Galen Denkmal, welchem vorher das Kreuz in Gendersymbole verändert wurden. Ebenso erhielt er die Aufschrift „dritte-option.de“. Vielen Dank für dieses schöne Bild, dass sich daraus ergab.

von Galen ziert die Dritte Option

von Galen ziert die Dritte Option

Einen ausführlichen Bericht über die Demonstration findet ihr hier.

Unseren Redebeitrag könnt ihr lesen, wenn ihr auf „weiterlesen“ klickt.

Redebeitrag

Christliche Fundamentalist*innen wollen sich heute mal wieder als Retter*innen der Familie darstellen. Sie demonstrieren an dieser Stelle vor allem gegen Schwangerschaftsabbrüche. Doch wenn wir über das Recht darauf keine Kinder zu bekommen sprechen, sollten wir die andere Seite auch nicht vergessen:
Die gleichen Christ*innen, die von hetero-Cismenschen so vehement Kinder und Familie “zum Erhalt des Volkes” einfordern, halluzinieren sich den baldigen Untergang des Abendlandes herbei, sobald auch Homosexuelle, Inter*personen oder Trans*menschen Kinder bekommen möchten. Die sofortige Apokalypse tritt vermutlich ein, wenn schwule Trans*männer, pansexuelle Trans*frauen oder polyamouröse Inter* sich entscheiden, mit Kindern zu leben und sich so den Moralvorstellungen der christlichen Fundamentalist*innen und weiten Teilen der Gesellschaft widersetzen.

Noch immer sind Lesben und Schwule in Deutschland vom Adoptionsrecht und der Reproduktionsmedizin weitgehend ausgeschlossen. Ganz zu schweigen von Elternkonstellationen, die nicht Zweierbeziehungen sind. Daran wird sich auch in absehbarer Zeit nichts ändern, sollte nicht wieder einmal das Bundesverfassungsgericht dafür sorgen, dass bürgerliche Rechte für alle durchgesetzt werden. Die Begründung dagegen ist meist, dass das Kindeswohl gefährdet sei, oder auch, dass die Kinder von anderen in der Schule ausgegrenzt würden. Das Wohl der Kinder queerer Eltern ist aber nur deswegen gefährdet, weil die Erwachsenen ihrem Nachwuchs homophobe Scheiße ins Hirn pflanzen.

Damit diese Scheiße auch Bestand hat, wird in Baden-Württemberg derzeit schon mit Schulboykott gedroht – eine Thematisierung von und Auseinandersetzung mit queeren Lebensweisen an Schulen scheint zu gefährlich für heterosexistische Normen.

Nochmal deutlicher wird die existierende Doppelmoral, wenn es um ein Recht auf Familie für Inter* und Trans* geht.
Noch bis vor kurzem hat das TSG (Transsexuellengesetz) erfordert, dass Menschen sich unfruchtbar machen müssen um in ihrer Geschlechtsidentität anerkannt zu werden. Trans*männer sollten nicht schwanger werden dürfen, Trans*frauen keine Kinder zeugen. Diese Regelung wurde zum Glück gekippt, weil sie verfassungswidrig ist.
Weiterhin Bestand hat jedoch eine andere Regelung, der § 7 des TSG: “Die Entscheidung, durch welche die Vornamen des Antragstellers geändert worden sind, wird unwirksam, wenn nach Ablauf von dreihundert Tagen nach der Rechtskraft der Entscheidung ein Kind des Antragstellers geboren wird …”. Trans*menschen müssen also um ihren erkämpften Vornamen und Personenstand fürchten, sollten sie sich entscheiden selbst Kinder zu zeugen oder zu gebären. Der Bestand der Gesetze zeigt deutlich das gesellschaftliche Klima, in dem sich Trans*menschen bewegen müssen.

Es gibt viele Menschen, die gar nicht als Mann oder Frau zur Welt kommen. Dass dieser Zustand keine Krankheit, sondern lediglich eine Variation darstellt, ist leider immer noch bei den Wenigsten angekommen. Inter*personen werden noch immer pathologisiert, also für krank erklärt und unsichtbar gemacht.

Das hat zur Folge, dass Intersexuelle weiterhin oft schon als Kind ohne Zustimmung operiert werden – nicht etwa aus gesundheitlichen Gründen, sondern nur um größere optische Übereinstimmung mit einem Männlichkeits- oder Weiblichkeitsideal herzustellen.
Diese OPs sind nicht nur traumatisierend, sie verhindern oft auch eine Gebär- oder Zeugungsfähigkeit, die bei vielen Intersexuellen vor den OPs durchaus vorhanden ist. Dabei ist die Fortpflanzungsunfähigkeit meist keine Nebenwirkung, sondern das explizite Ziel einer solchen Operation an einem Kleinkind. Die angesprochenen Moralvorstellungen wiederholen sich – Menschen, die nicht in die Norm passen, sollen sich auf keinen Fall reproduzieren. Dafür wird sogar in ihre körperliche Unversehrtheit eingegriffen und in Kauf genommen, dass sich ihre Situation durch medizinische Eingriffe massiv verschlechtert.
Mittlerweile ist die Medizin sogar so weit, dass sie vor der Geburt testen kann, ob das Kind bestimmte Formen der Intersexualität haben könnte. Sollte dieser Test positiv ausgehen, ist das ein Abbruchsgrund, auch nach der 12. Schwangerschaftswoche. Dies zu kommentieren – dafür fehlen uns leider die Worte.

Diese krassen Eingriffe in die Selbstbestimmung von Inter* und Trans* wollen wir nicht länger hinnehmen.
Einer der Wege da raus ist unsere angestrebte Klage auf eine dritte Option beim Geschlechtseintrag. Bisher können sich Menschen nur als “Frau” oder “Mann” oder, seit neuestem, mit aufwändigen Gutachten ohne Geschlecht eintragen lassen. Wir wollen dagegen Sichtbarkeit von und für Menschen, die nicht in die engen Normen der Zweigeschlechtlichkeit passen. Und wir wollen diese Sichtbarkeit nicht nur im sozialen Bereich, wir wollen sie auch rechtlich einfordern! Denn mit einer etablierten, gleichberechtigten, offenen Kategorie neben “Mann” oder “Frau” kann besser gegen Diskriminierung vorgegangen werden.
Mehr zu der Kampagne und Klage findet ihr auf: dritte-option.de.

Also lasst uns den engen Vorstellungen der fundamentalistischen Christ*innen von bürgerlicher Kleinfamilie und strikter Sexualmoral eine Absage erteilen.
Wir wünschen uns andere, offene Konzepte von Familie.
Für eine selbstbestimmte Identität und Sexualität –
für ein selbstbestimmtes Leben ohne und mit Kindern.

Kein Gott, kein Staat, kein Kardinal – und auch nicht eure Scheißmoral!