Route der Demo zum Bundesverfassungsgericht am 2.9.

Am 2.9. werden wir in einer Demo vom Bundesgerichtshof zum Bundesverfassungsgericht ziehen. Dort werden wir Verfassungsbeschwerde gegen die Entscheidung des Bundesgerichtshofs einlegen, der den Antrag auf eine dritte Option beim Geschlechtseintrag abgelehnt hat.

Das hier ist unsere Demoroute in Karlsruhe: Nymphengarten – Lammstraße – Erbprinzenstraße – Ludwigplatz (Kundgebung) – Waldstraße – Kaiserstraße – Ritterstraße – Zirkel – Schlossplatz – Bundesverfassungsgericht

Die Demo startet um 17 Uhr. Der Nymphengarten (unser Startpunkt) befindet sich hinter dem Bundesgerichtshof, wie auf dieser Karte zu sehen ist:

Demo-Startpunkt Karlsruhe 02-09

Wir freuen uns auf euch!

Demonstration in Karlsruhe für eine dritte Option beim Geschlechtseintrag – 2.9.2016, 17 Uhr, Bundesgerichtshof

Bei Fragebögen scheitere ich oft schon an Frage Nummer 2.
Ich soll mich entscheiden: “Frau” oder “Mann”.
Und fühle mich mal wieder – nicht repräsentiert.
Irgendwie – übergangen.

Keine Medizin, keine Psychologie, kein Gesetz
kann mir sagen, dass es mich nicht gibt – als Hermaphrodit.
Mein Spiegel beweist doch das Gegenteil.

Im Juli 2014 haben wir Vanja dabei begleitet, einen Antrag auf die geschlechtliche Bezeichung „inter/divers“ in der Geburtsurkunde beim Standesamt Gehrden/Hannover zu stellen. Das Amtsgericht Hannover und das OLG Celle haben abgelehnt. Nun hat auch der Bundesgerichtshof entgegen unserer Vorstellungen entschieden, doch für uns ist der Weg nicht vorbei – der spannendste Teil beginnt erst! Wir werden Vanja darin unterstützen eine Verfassungsbeschwerde beim Bundesverfassungsgericht einzureichen. Es wäre toll, wenn auch ihr das tut und mit uns zusammen das Anliegen auf die Straße tragt.

Warum eigentlich?
Wir, die Kampagne für eine dritte Option beim Geschlechtseintrag, wollen Raum und Sichtbarkeit schaffen für alle Geschlechter jenseits von Mann* und Frau*.
Immer wieder wird behauptet es gäbe eine “Natürlichkeit” von genau zwei Geschlechtern. Dabei wird diese erst mit Gewalt hergestellt – durch Operationen an intergeschlechtlichen Kindern ohne deren Zustimmung, durch das Pathologisieren, also für krank erklären, von Inter* und Trans*, durch das Unsichtbar machen und Ignorieren von allen, die jenseits von Mann* und Frau* existieren.
Menschen, die nicht als Mann* oder Frau* leben, sind keine neue Erscheinung. Sie gab es schon immer und wird es immer geben. Es wird Zeit für eine rechtliche Anerkennung dieser Tatsache. In einigen Ländern (z.B. Australien, Indien und Nepal) ist dies auch zum Teil seit Jahren schon möglich.

Also, es reicht!
Wir als Inter*, Trans*, Queers sind nicht krank oder gestört,
wir werden höchstens gestört.
Wir haben ein Recht auf Geschlecht wie alle anderen auch.

Durch eine dritte Option beim Geschlechtseintrag kann die Existenz von Menschen, die weder Frau* noch Mann* sind, nicht länger geleugnet werden.
Wir sind, wer wir sind – völlig unabhängig von Kästchen auf staatlichen – und sonstigen – Formularen. Aber die symbolische Anerkennung durch eine dritte Option beim Geschlechtseintrag ist ein großer Schritt heraus aus gesellschaftlicher Unsichtbarkeit und Marginalisierung. Darüber hinaus kann diese Anerkennung den Weg zur Abschaffung weiterer Diskriminierungen ebnen und hoffentlich dazu beitragen, dass endlich die “Umoperationen” von intergeschlechtlichen Kindern – ohne deren Zustimmung und ohne medizinische Notwendigkeit -, gegen die Aktivist*innen bereits seit Jahren kämpfen, endgültig beendet werden.
Diese Menschenrechtsverletzungen sind nicht länger hinzunehmen. Darum lasst uns das Recht auf Selbstbestimmung juristisch und gesellschaftlich erkämpfen!

Lasst uns der Welt zeigen, dass es uns gibt und dass wir uns nicht verstecken, sondern selbstbewusst und selbstverständlich für unsere Rechte einstehen! Auch Unterstützer*innen sind herzlich willkommen.

DEMONSTRATION AM FREITAG, 2. SEPTEMBER 2016 VOM BUNDESGERICHTSHOF ZUM BUNDESVERFASSUNGSGERICHT IN KARLSRUHE – BEGINN UM 17 UHR VOR DEM BUNDESGERICHTSHOF (HERRENSTRAßE 45A)

Schreibt uns gerne an info@dritte-option.de, wenn ihr Flyer und/oder Plakate für die Demo-Mobi geschickt bekommen möchtet. Hier könnt ihr das Plakat herunterladen: Dritte_Option_Demo_Karlsruhe_02-09-16_Plakat (bitte noch Ort und Zeit eintragen :) ). Wir freuen uns sehr über eure Unterstützung!

Mehr Infos unter:
www.dritte-option.de
www.facebook.com/dritteoption
Twitter: @DritteOption

Germany’s Federal Court of Justice rejects appeal to introduce a third gender option in birth certificates

As announced on August 3rd, 2016 Germany’s Federal Court of Justice (Bundesgerichtshof) rejected an appeal to have the gender option ‘inter/divers’ (X) introduced into a birth certificate.

Accompanied by the advocacy group Dritte Option (Third Option), Vanja had requested a respective modification of their birth certificate at the registry office in Gehrden, Germany in July 2014. The request was forwarded to the district court in Hanover where it was rejected. Vanja and the advocacy group submitted a complaint to the appellate court in Celle that, too, rejected it. Consequently, they took the complaint to the Federal Court of Justice, the highest appellate court in Germany for civil and criminal cases. The Court rejected the complaint on June 22nd, 2016.

Whereas in its ruling the Federal Court of Justice acknowledges the existence of individuals who are not represented by ‘male’ or ‘female’ – i.e. at present the only available categories in the German birth register, passports, etc. – it stipulates that there is no need and no legal ground for the introduction of a third gender option. The Court states that such a third option would rather be of a “declaratory” nature and that it suffices that intersex individuals can resort to the possibility to have their gender description removed from the birth register (and that parents may decide to leave the category ‘gender’ of their intersex children blank). While the possibility to erase an existing gender description from the birth register – a clarification of the recently modified § 22 Section 3 PStG that was provided by the appellate court in Celle with regard to Vanja’s case – constitutes a success in the struggle to overcome the binary of legal gender, it is not sufficient in order to guarantee intersex and other non-binary individuals the constitutional rights to human dignity, freedom of the person and legal equality.

The advocacy group Dritte Option considers the Court’s ruling inconsistent. The Court itself highlights individuals’ right to have their gender identity recognised and respected but makes a distinction between transgender people who have – finally – been granted the right to change their gender description in official German documents from ‘female’ to ‘male’ and vice versa, and intersex and other non-binary people who shall be denied the right to a category reflecting their gender identity.

As Vanja points out, “the introduction of a third gender option in passports and other documents would finally acknowledge the existence of intersex people and other individuals who do not identify as either male or female. With regard to anti-discrimination acts and policies as well as for the way I feel accepted – or not – by the German State it does make a huge difference if I can point to my officially registered gender or if I have to refer to some blank space.”

The advocacy group Dritte Option fights for a third gender option that is open to everyone, and its selection to be exclusively based on the decision of each individual. It has received support from numerous individuals who are awaiting the official recognition of their gender identity – the Court’s ruling constitutes a blow for all of them and others in Germany and beyond.

In other countries, similar struggles have been already successful – like in Australia, for example – or are under way, as it is the case in Austria. Furthermore, these efforts for a third gender option in official documents draw on and support the decade-long work of intersex organisations fighting for self-determination and bodily integrity of intersex people, especially with regard to operations on intersex children without their consent.

Vanja and the group Dritte Option have announced that they will challenge the ruling of the Federal Court of Justice. On September 2nd, 2016, they will submit a complaint against the ruling to the Federal Constitutional Court (Bundesverfassungsgericht), supported by a demonstration in Karlsruhe.

The ruling of the Federal Court of Justice (in German) can be found here: http://dritte-option.de/wp-content/uploads/2016/08/anonymisierter-BGH-Beschluss-1.pdf.

Contacts and further information: Website: www.dritte-option.de // E-mail: info@dritte-option.de // Twitter: @dritteoption // Facebook: https://www.facebook.com/dritteoption

Der BGH hat entschieden – unsere Pressemitteilung dazu

Wie heute bekannt wurde, hat der XII. Zivilsenat des Bundesgerichtshofes am 22. Juni den Antrag von Vanja auf einen Geschlechtseintrag als „inter/divers“ abgelehnt. Die Kampagnengruppe „Dritte Option“, die das Verfahren inhaltlich vorbereitet und während der bisherigen Dauer begleitet hat, bedauert, dass der Senat ihrer Ansicht nach die Grundrechte Vanjas nicht gründlich geprüft hat.

Der Bundesgerichtshof sieht innerhalb der gültigen Regelungen des Personenstandsgesetzes keine Möglichkeit zur einer Eintragung des Geschlechts als „inter“ oder „divers“. Er erkennt zwar an, das intergeschlechtliche Menschen mit den geläufigen Geschlechtern „Mann“ und „Frau“ nicht ausreichend beschrieben werden. Daher ist auch zu begrüßen, dass er das Urteil des OLG Celle dahingehend noch einmal ausdrücklich bestätigt, dass das Offenlassen der Geschlechtskategorie nach § 22 Abs. 2 PStG auch rückwirkend möglich ist. Allerdings sieht er damit das verfassungsmäßige Recht in der eigenen Geschlechtsidentität anerkannt zu werden als ausreichend gewürdigt an.

In dem Beschluss wird darauf verwiesen, dass eine Zuordnung zu einer neuen Geschlechtskategorie keinerlei rechtlichen Folgen beispielsweise bei der Eheschließung hätte, da das Familienrecht nur Mann und Frau kenne. Daher mache es für Vanja auch nur einen symbolischen Unterschied ob er*sie nun einen entsprechenden Eintrag hätte oder nicht. Für Vanja ist es jedoch mehr als das: „Für intergeschlechtliche Menschen wäre ein dritter Geschlechtseintrag nach jahrzehntelangem Verleugnen und Unsichtbarmachen endlich die Anerkennung und Würdigung ihrer Existenz. Die aktuelle Lösung keinen Eintrag zu haben ist für mich eben nicht das selbe wie einen passenden Eintrag zu haben. Im Alltag, als Schutz vor Diskriminierung macht es einen Unterschied ob ich sagen kann ‘Ich bin ganz offiziell inter’ oder ob ich mich auf eine Leerstelle berufen muss.“ Wie wichtig eine solche Anerkennung für Betroffene ist, zeigt sich auch daran, dass in einigen Ländern, wie Australien, ein dritter Eintrag bereits eingeklagt wurde und in anderen, wie Österreich, ähnliches angestrebt wird. (http://derstandard.at/2000039461912/Kampf-um-Anerkennung-eines-dritten-Geschlechts) Die Kampagnengruppe Dritte Option hat in den letzten Jahren immer wieder Rückmeldungen von Menschen bekommen, die die Arbeit der Kampagnengruppe ideell und finanziell unterstützen, da sie sich mit den bestehenden Möglichkeiten auch nicht repräsentiert sehen. Auch für diese Menschen ist der Beschluss jetzt ein Rückschlag.

Gänzlich unverständlich erscheint der Kampagnengruppe die vehemente rechtliche Unterscheidung des BGH zwischen Trans- und Intergeschlechtlichkeit. In dem Beschluss geht der Senat darauf ein, dass es die Menschenwürde und das allgemeine Persönlichkeitsrecht gebieten, in der selbstempfundenen geschlechtlichen Identität anerkannt zu werden, was es transgeschlechtlichen Menschen auch ermöglicht, den Geschlechtseintrag zu wechseln. Bei intergeschlechtlichen Menschen sieht der BGH da allerdings Probleme: „Anders als bei der Zuordnung zu einem schon bestehenden Geschlecht wären durch die Schaffung eines weiteren Geschlechts staatliche Ordnungsinteressen in weitaus erheblicherem Umfang betroffen.“ Benannt werden diese Ordnungsinteressen nicht. Ihr bestehen wird außerdem von der Kampagnengruppe angezweifelt, da rechtlich bereits durch die Möglichkeit der Streichung des Geschlechtseintrags mehr als männlich und weiblich besteht und somit die bestehenden Regelungen über kurz oder lang ohnehin angepasst werden müssen. Trotz dieser eventuell vorhandenen Schwierigkeit bleibt zudem aktuell die Rechtsverletzung – nämlich die Verletzung der Menschenwürde und des Persönlichkeitsrechts durch Nichtanerkennung der Geschlechtsidentität – bestehen. Eine Lösung dieses Problems erbringt der BGH nicht, sondern verweist an dieser Stelle darauf, dass sich auch Expert*innen uneinig seien, wie eine solche aussehen könnte.
Vanja und die Kampagnengruppe „Dritte Option“ wollen sich mit der Entscheidung nicht zufrieden geben. Sie kündigen an am 2. September um 17 Uhr Verfassungsbeschwerde einzureichen und diese mit einer Demonstration vom Bundesgerichtshof zu Bundesverfassungsgericht zu begleiten.

Statement zur Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage „Intergeschlechtliche Menschen in Deutschland“

Am 17. Dezember 2015 haben Abgeordnete der Grünen (u.a. Monika Lazar, Volker Beck und Maria Klein-Schmeink) sowie die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen eine Kleine Anfrage mit dem Titel „Intergeschlechtliche Menschen in Deutschland“ gestellt. Mit dieser Kleinen Anfrage übermittelten sie der Bundesregierung 34 Fragen u.a. zur Gültigkeit bestehender geschlechtsspezifischer Regelungen für Inter*.
Die Bundesregierung hat nun, am 18. Januar 2016, auf diese Kleine Anfrage geantwortet. [1]
Einige unserer Ansicht nach bemerkenswerte Äußerungen, welche die Bundesregierung in ihrer Antwort getroffen hat, möchten wir im Folgenden kurz kommentieren.

Zunächst ist festzustellen, dass die Bundesregierung zu vielen für Inter* höchst relevanten Fragen, die in der Kleinen Anfrage gestellt wurde, keine (klare) Aussage trifft. So vertritt die Bundesregierung die Ansicht, dass sie keine Einschätzung bezüglich der Frage treffen kann, ob geschlechtszuweisende Operationen an Neugeborenen im juristischen Sinn eine Körperverletzung und/oder eine Genitalverstümmelung darstellen, da dies den Strafverfolgungsbehörden überlassen sei. Weiterlesen

Frankreich erlaubt „neutral“ als Geschlechtseintrag – vorerst

Eine 64jährige Person hat vor einem Familiengericht in Frankreich Recht bekommen, nicht mehr als Mann, sondern als „geschlechtlich neutral“ eingetragen zu werden. Bereits Ende August urteilte das Gericht, dass das bei Geburt zugewiesene Geschlecht „wie reine Fiktion“ erscheint.
Ob das Urteil Bestand hat, wird sich noch zeigen. Der zuständige Staatsanwalt ist in Berufung gegangen, weil er die Kompetenz des Gerichts überschritten sieht.
Wir freuen uns erst einmal über das Urteil und wünschen der klagenden Person alles Gute und weiterhin viel Erfolg.

Geschlechtseintrag Inter/Divers: Beschwerdebegründung beim BGH eingereicht

Nicht männlich, nicht weiblich, sondern inter/divers möchte Vanja in der Geburtsurkunde und auf allen Dokumenten als Geschlechtseintrag stehen haben. Der Fall liegt mittlerweile beim Bundesgerichtshof, bei dem am Donnerstag, den 24.04. die Beschwerdebegründung gegen das Urteil des OLG Celle eingegangen ist. Das OLG hatte im Januar Vanjas Antrag mit der Begründung abgelehnt, dass „die Nichtbezeichnung des ‚unbestimmten‘ Geschlechts im Personenstandsrecht […] verfassungsrechtlich nicht zu beanstanden [ist].“ Es verweist damit auf den Umstand, dass bei Personen, die mit nicht eindeutig weiblichen oder männlichen Geschlechtsmerkmalen geboren werden, Personenstandseintrag offen gelassen werden kann.

„Die Entscheidung des Beschwerdegerichts hätte, sofern sie Bestand hat, geradezu etwas Zynisches. Die Identität von Intersexuellen wurde vom deutschen Recht ungefähr ein Jahrhundert lang als nichtexistent behandelt. Mit der Neuregelung des § 22 Abs. 3 PStG, die ihre Existenz an sich anerkennen soll, würden sie jedoch – folgt man dem rechtlichen Ansatz des Beschwerdegerichts – personenstandsrechtlich gerade wieder in die Nichtexistenz verbannt,“ heißt es nun in der Beschwerdebegründung.

Wann mit einer Entscheidung zu rechnen ist, ist nicht abzusehen. Vanja und die Kampagne für eine dritte Option beim Geschlechtseintrag hatte bereits angekündigt notfalls vor das Bundesverfassungsgericht zu ziehen, sollte auch der BGH nicht im Sinne des Antrags entscheiden.

Neuigkeiten aus der Kampagne

Liebe Unterstützer*innen und Interessierte,

wir wollen Euch gerne über den aktuellen Stand des Projekts – 3. Option – informieren:
1. Aktuelle juristische Situation
2. Finanzielles
3. Wie geht’s weiter?

1. Aktuelle juristische Situation

Update: Die Beschwerde beim Bundesgerichtshof (BGH) wurde am 16.2.2015 eingereicht. Wir halten euch auf dem Laufenden.

a) Aktueller Stand des Verfahrens
Am 21. Januar hat das Oberlandesgericht (OLG) Celle als zweite Instanz die Beschwerde gegen den Beschluss des Amtsgerichts (AG) Hannover abgelehnt. Angefangen hatte alles mit dem Antrag an das Standesamt Gehrden, in dem Vanja am 28. Juli 2014 beantragt hatte den eigenen Geburtseintrag in „inter/divers“ oder alternativ „divers“ ändern zu lassen. Ein gutes halbes Jahr später reichen wir in diesem Monat die Beschwerde beim Bundesgerichtshof (BGH) als dritte Instanz ein. Das heißt bisher lief das Verfahren seitens der Gerichte sehr zügig. Wir hatten nicht erwartet so schnell so ‚weit‘ zu kommen. Sollte der BGH den Antrag ablehnen, werden wir vor das Bundesverfassungsgericht ziehen. Das war von Anfang an unser Ziel, auch wenn wir nichts dagegen hätten, dass eine frühere Instanz Vanjas Antrag stattgibt.

b) Der Beschuss des OLG Celle
Das OLG Celle ist in seiner Begründung schon auf einem gute Weg gewesen, konnte sich aber leider im Ergebnis trotzdem nicht durchringen Vanjas Wunsch nach einem Eintrag der eigenen Geschlechtsidentität zu entsprechen.
Kurz zusammengefasst sagt das OLG Celle, dass die jetzige Rechtsituation so gestaltet ist, dass es einen Eintrag als ‚männlich‘ oder ‚weiblich‘ geben muss (§ 21 Abs. 3 Nr. 1 PStG). Als Alternative dazu ist es möglich, die Eintragung des Geschlechts wegzulassen (§ 22 Abs. 3 PStG). Nach dem OLG Celle ermöglicht diese Regelung nicht nur das Offenlassen des Eintrags bei Neugeborenen, sondern auch eine spätere Streichung eines Eintrags als ‚männlich‘ oder ‚weiblich‘. Eine Eintragung als ‚inter‘ und/oder ‚divers‘ oder auch anderer alternativer Bezeichnungen sei dagegen nach der aktuellen Gesetzeslage nicht möglich, da in der Verwaltungsvorschrift zum PStG ausdrücklich festgeschrieben sei, dass solche Eintragungen ausgeschlossen sind.
Diese Rechtslage hält das OLG Celle auch für verfassungsgemäß, obwohl es durchaus einen grundgesetzlichen Anspruch auf Anerkennung der selbstempfundenen Geschlechtsidentität als gegeben ansieht. Da dieser Anspruch auch für Personen gilt, die sich weder als ‚männlich‘ noch als ‚weiblich‘ definieren, wäre die Rechtslage verfassungswidrig, wenn es nur diese beiden Möglichkeiten gäbe. Es reicht nach Ansicht des OLG Celle jedoch aus, dass es den Anspruch auf Streichung der Eintragung gibt, um eine Alternative zu ‚männlich‘ oder ‚weiblich‘ zu schaffen und somit eine verfassungsgemäße Rechtslage.

c) Wichtige Aspekte aus dem Beschluss
Soweit also die Ansicht des OLG Celle. Neben Kritik, die wir an dem Beschluss natürlich auch haben, finden wir zwei Dinge bemerkenswert und wichtig für andere laufende oder mögliche zukünftige Verfahren.
Zum einen schafft der Beschluss des OLG Celle zumindest Rechtsklarheit über die Möglichkeit den bestehenden Eintrag als ‚männlich‘ oder ‚weiblich‘ zu streichen. Dies ist nach Ansicht des OLG Celle durch § 22 Abs. 3 PStG möglich. Daher können zumindest Personen, die ‚lediglich‘ eine Streichung erreichen wollen, bei ihrem eigenen Antrag auf den Beschluss des OLG Celle verweisen.
Dabei bleibt jedoch weiterhin offen, welche Nachweise die Behörden für einen solchen Antrag verlangen werden. Sowohl die Formulierung des § 22 Abs. 3 PStG als auch die konkretisierende Verwaltungsvorschrift stellen momentan leider auf die körperliche Verfasstheit einer Person und entsprechende medizinische Nachweise ab – was eindeutig nicht einem Anspruch auf Anerkennung der eigenen geschlechtlichen Identität entspricht (weitere Ausführungen unserer Einschätzung der Änderung des § 22 PStG findet ihr hier. Unabhängig vom Beschluss des OLG Celle ist daher an dieser Stelle weiterhin politisch auf eine Änderung der Verwaltungsvorschrift zu bestehen, die praktische Umsetzung des § 22 Abs. 3 PStG kritisch zu beobachten und ggf. den Anspruch auf Selbstbestimmung gerichtlich durchzusetzen.
Neben dem klaren Bekenntnis zur nachträglichen Streichung finden wir den Beschluss vor allem deswegen bemerkenswert, weil er die Grundannahme unserer Kampagne klar bestätigt: Es gibt Personen, die sich mit den Begriffen ‚männlich‘ oder ‚weiblich‘ nicht oder nicht ausreichend bezeichnet fühlen. Und auch diese Personen haben einen grundgesetzlich garantierten Anspruch auf rechtliche Anerkennung ihrer Geschlechtsidentität als wichtiger Bestandteil des allgemeinen Persönlichkeitsrechtes. Diese Anerkennung ist unabhängig von medizinischen Kategorisierungen und Bescheinigungen, da die selbstempfundene geschlechtliche Identität ausschlaggebend ist.

d) Inhaltliche ‚Mängel‘ des Beschlusses
Dass das OLG Celle diesen Anspruch auf rechtliche Anerkennung der Geschlechtsidentität durch § 22 Abs. 3 PStG gewährleistet sieht, überzeugt jedoch nicht.
Zum Einen überzeugt die Darstellung der Gesetzeslage durch das OLG Celle nicht, soweit dieses darlegt, dass alternative Eintragungsmöglichkeiten durch die Verwaltungsvorschrift zum Personenstandsgesetz (PStG) ausgeschlossen werden. Verwaltungsvorschriften sind keine Gesetze im eigentlichen Sinne und daher sind nur Behörden, nicht aber Gerichte an die Vorschriften gebunden. Das heißt das Standesamt musste diese Vorschrift beachten, nicht jedoch das AG Hannover.
Zudem gewährleistet § 22 Abs. 3 PStG in seiner momentanen Fassung (insb. aufgrund der Verwaltungsvorschrift) keine Anerkennung der selbstempfundenen Identität, sondern stellt auf die körperliche Verfasstheit einer Person ab. Der vom OLG Celle anerkannte Grundrechtschutz bezieht sich jedoch auf die Identität.
Besonders kritikwürdig ist die Annahme des OLG, dass eine Nicht-Eintragung zur Erfüllung des grundgesetzlichen Anspruchs auf Anerkennung der eigenen geschlechtlichen Identität ausreichen würde. In Bezug auf den § 22 Abs. 3 PStG wird dies schon dadurch deutlich, dass die Regelung sich auf ‚Fehlende Angaben‘ bezieht. Die Angabe über die Geschlechtsidentität ‚fehlt‘ jedoch bei Vanja – und zahlreichen anderen Betroffen – nicht und sie ist auch nicht ‚ungeklärt‘ oder ähnliches. Soweit eine Person sich über die eigene Geschlechtsidentität äußern kann, kann eine Anerkennung nicht in der Einordnung als ‚fehlend‘ liegen.
Die Nicht-Eintragung des Geschlechts würde die Identität der Betroffenen nur dann ernstnehmen und den grundgesetzlichen Anspruch erfüllen, wenn generell keine Eintragung des Geschlechts in Geburtsurkunden mehr erfolgen würde. Solange als Regelfall die Eintragung des Geschlechts vorgeschrieben ist, kann es keine Differenzierung der geschlechtlichen Identität in eintragungsfähig und nicht-eintragungsfähig geben. Eine solche Differenzierung verstößt gegen Art. 3 Abs. 1, 3 GG (Grundgesetz). Hinsichtlich geschlechtlicher Identität wie Inter* oder Trans* ist jedoch nicht nur eine Gleichbehandlung im Sinne einer Antidiskriminierung angemessen, sondern aufgrund der gesellschaftlichen Marginalisierung und Unsichtbarkeit gerade für diese Identitäten eine explizite Anerkennung in Form einer Eintragungsmöglichkeit bedeutend. Ähnlich wie das Grundgesetz nicht nur eine Gleichberechtigung von Mann und Frau vorschreibt, sondern aufgrund der zuvor Jahrhunderte langen rechtlichen und gesellschaftlichen Benachteiligung eine aktive Politik des Abbaus der Ungleichheit fordert, ist die Anerkennung der eigenen Identität von Inter* und Trans* und anderen Marginalisierten nicht nur wegen einer Gleichbehandlung zwingend, sondern als aktive Maßnahme der Anerkennung. Sie ist nicht nur für die gesamtgesellschaftliche Situation bedeutend, sondern auch für die psychische Situation einzelner Betroffener.

e) Das heißt…
Wir sehen den OLG-Beschluss durchaus als wichtigen Zwischenschritt an, für den sich der Aufwand den juristischen Weg zu beschreiten schon gelohnt hat, weil nun auch andere Menschen an diesen Zwischenschritt anknüpfen können. In den nächsten Instanzen werden wir jedoch deutlich machen, dass das OLG Celle die Konsequenzen aus der Rechtslage falsch eingeschätzt hat und durchaus ein Anspruch auf eine Eintragung jenseits von ‚männlich‘ und ‚weiblich‘ besteht.

2. Finanzielles
Da das gerichtliche Verfahrens jetzt quasi in der Halbzeit ist – auch wenn das nicht heißt, dass der Rest in derselben Zeit vonstattengehen wird – wollen wir das auch zum Anlass für einen Kassensturz nehmen.
Momentan setzt sich unser ‚Topf‘ hauptsächlich aus Spenden von Einzelpersonen und Referent*innen-Honoraren, die wir unsererseits gespendet haben, zusammen. Außerdem haben uns noch mehrere Gruppen Geld zukommen lassen (queergestellt, Kingdom of Cologne und w.i.r.). Bei der Gelegenheit möchten wir nochmal allen danken, die sich bisher finanziell beteiligt haben und hoffen wir können die damit verbundenen Erwartungen erfüllen.
Im Bereich ‚Öffentlichkeitsarbeit‘ wurde bisher Geld für Material wie Flyer, Aufkleber etc. ausgegeben. Daneben wurden teilweise Fahrtkosten zu auswärtigen Terminen bezahlt. Im ‚juristischen‘ Bereich haben wir (nach den entsprechenden Sätzen des Rechtsanwaltsvergütungsgesetze s (RVG)) die Verfahrensbevollmächtigte von Vanja für die erste Instanz (AG Hannover) und einem beratenden Anwalt eine Aufwandsentschädigung für die Mitarbeit am Antrag gezahlt. Für die zweite Instanz (OLG Celle) hat Vanja Prozesskostenhilfe bekommen; d.h. dafür sind keine Kosten angefallen. In der anstehenden BGH-Instanz muss Vanja neben der bisher tätigen Verfahrensbevollmächtigten eine Anwältin beauftragen, die beim BGH zugelassen ist. Dies sind insgesamt nur 46 Anwälte/* /Anwältinnen; d.h. die Auswahl ist mehr als eingeschränkt. Aus diesem Grund fallen Kosten an, die über die Prozesskostenhilfe hinausgehen. Sollte das Verfahren vor dem Bundesverfassungsgericht weitergehen, wird es dort leider mit hoher Wahrscheinlichkeit keine Prozesskostenhilfe geben. Daher werden wohl insgesamt (bisher und zukünftig) mindestens Anwältin-/* /Anwaltskosten in Höhe von 3000,-€ anfallen. Es können aber auch mehr werden.
Mit dem was wir uns im letzten Jahr an Honoraren erarbeitet haben und zusätzlich von Euch bekommen haben, könnten wir die genannten Kosten in etwa aufbringen; allerdings dürfen dann keine großartigen Sonderkosten mehr anfallen – schön wäre es natürlich noch Spielraum für weitere Kläger*innen zu haben. Wir versuchen euch auf dem Laufenden zu halten. Sollten wir plötzlich zu viel statt zu wenig haben, wird das Geld selbstverständlich für entsprechende Öffentlichkeitsarbeit und/oder eventuelle Folgeklagen aufgebraucht.

3. Wie geht’s weiter?
Die Beschwerde beim BGH muss noch Ende dieses Monats eingereicht sein. Wie lange das Verfahren am BGH dann dauert, ist nicht absehbar. Vermutlich länger als die bisherigen Instanzen – aber wir lassen uns überraschen und halten Euch auf dem Laufenden.
Gerüchteweise gibt es weitere Menschen außer Vanja, die versuchen wollen der 3. Option auf dem Gerichtswege in der einen oder anderen Art näher zu kommen oder den Weg bereits angefangen haben. Wir versuchen Euch auch dahingehend zu informieren, sind aber selbstverständlich selber auf Informationen angewiesen und vor allem auf das Einverständnis der betreffenden Personen hinsichtlich der Veröffentlichung von Informationen.
Arbeitsideen für die ‚Begleitkampagne‘ sind noch zahlreich vorhanden, aber da wir recht schnell auf einen kleinen Personenkreis zusammengeschrumpft sind, sind wir zeitlich mehr als ausgelastet, können also nicht alles umsetzen was wir wollen.
Wir freuen uns weiterhin über Unterstützung verschiedenster Art. Ein paar Anregungen findet ihr hier.

Viele Grüße

euer Dritte Option Kampagnenteam

OLG Celle lehnt Geschlechtseintrag inter/divers ab

Das OLG Celle hat am 21.01.2015 die Beschwerde von Vanja abgelehnt. Vanja wollte mit der Beschwerde gegen den Beschluss des Amtsgericht Hannover an das OLG Celle eine geänderte Geburtsurkunde erlangen, in der Vanjas Geschlechtsidentität korrekt mit “inter/divers” angegeben wird.
Die Entscheidung der OLG Celle ist ein klares: Ja, aber…
JA, ein rein binäres Geschlechtersystem bestehend aus “männlich” und “weiblich” wäre verfassungswidrig, da es gegen das grundgesetzlich geschützte Persönlichkeitsrecht von Menschen verstoßen würde, die weder eine männliche noch eine weibliche geschlechtliche Identität haben.
ABER, die mittlerweile in § 22 Abs. 3 PStG geregelte Möglichkeit den Eintrag offen zu lassen reicht aus.

Dass die Kampagne für eine Dritte Option beim Geschlechtseintrag dies anders sieht, hat sie bereits in der Beschwerdebegründung ausführlich dargelegt. Vanja wird daher gemeinsam mit den Unterstützer*innen der Kampagne für eine dritte Option den nächsten Schritt zum Bundesgerichtshof gehen. Allerdings sehen sie trotz der letzlich ablehnenden Entscheidung im Grunde ihre Rechtsauffassung, dass der Staat geschlechtliche Identitäten jenseits von Mann und Frau anerkennen muss, durch das OLG bestätigt.

Den Beschluss des OLG Celle findet ihr hier.

Vanja im taz-Interview: „Ich bin weder Mann noch Frau“

Vanja hat der taz ein Interview gegeben. Das könnt ihr auf taz.de oder im Folgenden lesen:

Vanja über die Kampagne für eine dritte Option
„Ich bin weder Mann noch Frau“
Vanja, intersexuell, über das Fehlen einer dritten Option in amtlichen Dokumenten, dumme Sprüche, krasse Operationen und strukturelle Diskriminierung.

taz: Vanja, was wird für Sie im Jahr 2015 wichtig?
Vanja: Zu sehen, wie es mit der Einführung der dritten Geschlechtsoption weitergeht. Stellvertretend für viele versuche ich, das Geschlechtsmerkmal in meinem Reisepass in „inter/divers“ ändern zu lassen. Einfach ist dieser Weg durch die Gerichtsinstanzen nicht: Mittlerweile liegt die Klage beim Oberlandesgericht in Celle.

Warum gerade in Celle – Sie leben doch in Köln?
Stimmt. Geboren bin ich aber in Gehrden bei Hannover. Und um mein Geschlechtseintrag im Pass ändern zu lassen, muss erst einmal meine vom dortigen Standesamt geführte Geburtsurkunde geändert werden. Das aber wollten die Beamten nicht machen. Die waren zwar sehr freundlich, haben mir aber gleich gesagt, dass sie meinen Antrag ans Amtsgericht Hannover weiterreichen werden. Jetzt liegt die Sache in Celle. Mit Hilfe meiner Unterstützer gehe ich aber notfalls bis vor’s Bundesverfassungsgericht.

Warum ist es Ihnen so wichtig, dass im Pass „inter/divers“ steht? Seit dem Jahr 2013 kann der Geschlechtseintrag in amtlichen Dokumenten doch auch einfach weggelassen werden?
Gerade dieser Nicht-Eintrag ärgert mich. Stellvertretend für viele intersexuelle Menschen will ich etwas gegen die Unsichtbarkeit tun, die uns immer noch umgibt.

Inwiefern?
Aktuell ist es so: Zwar leben in Deutschland mindestens 80.000 Menschen, die wie ich sagen: Ich bin weder Mann noch Frau. Trotzdem wird so getan, als gäbe es uns gar nicht. Intersexualität wird von Staat und Gesellschaft als nicht gleichwertig betrachtet. Wenn es in amtlichen Urkunden zwar die Kategorien männlich und weiblich gibt, Intersexualität aber verschämt verschwiegen wird, ist die fehlende Gleichberechtigung doch offensichtlich.

Ist das nicht hochtheoretisch?
Der Eintrag „inter/divers“ in amtlichen Papieren ist natürlich nur ein erster Schritt, ein selbst gewähltes, selbstbewusstes Symbol für das Ende der Unsichtbarkeit.

Warum?
Noch heute legen oft Ärzte oder Hebammen fest, ob ein Neugeborenes männlich oder weiblich sein soll. Da wird dann manchmal ein Geschlecht festgelegt, das gar nicht passt – schließlich ist Intersexualität sehr vielfältig. Das Geschlecht macht sich nicht nur am Körper fest.

Sondern?
Auch biologisch ist das Geschlecht komplex. Es spielen Chromosome, Hormone und andere Faktoren eine Rolle. Dazu dann die Frage nach der eigenen Identität – also wie ich mich ganz persönlich fühle. Bei mir etwa ist erst in der Pubertät festgestellt worden, dass ich keine Frau bin – aber eben auch kein Mann.

War das nicht völlig verunsichernd – als Teenager?
Sehr sogar. Mein Anderssein habe ich erst einmal verdrängt. Darüber geredet habe ich nicht. Ich hätte gar keine Worte gehabt, um auszudrücken, wie ich mich fühle.

Und dann?
Eine Zeit lang habe ich versucht, als Mädchen, als junge Frau zu leben.

Heute tragen Sie einen Bart.
Ja, weil ich andere Geschlechtshormone nehme. Darauf bin ich angewiesen, weil mein Körper nicht so viele dieser Hormone produziert. Früher habe ich mich eher weiblich gegeben, jetzt gebe ich mich anders. Das passt besser zu mir.

Also fühlen Sie sich jetzt eher als Mann denn als Frau? Oder ist das viel zu sehr in überkommenen Geschlechterklischees gedacht?
Mit der Männerrolle komme ich etwas besser klar als mit der einer Frau, das stimmt schon. Trotzdem kann ich nicht behaupten, dass ich ein Mann bin. Natürlich könnte ich jetzt versuchen, mich möglichst männlich zu geben, dieses Rollenbild zu erfüllen. Aber dann würde ich wieder einen Teil von mir verstecken.

Ist es nicht unheimlich anstrengend für Sie, sich nicht einem der gesellschaftlich vorgegebenen Rollenbilder zu beugen?
Natürlich gibt es Leute, die verwirrt sind, wenn sie die Welt nicht in Schwarz und Weiß einteilen können. Die reagieren verunsichert, manchmal auch aggressiv.

Sie werden öfter blöd angemacht.
Manchmal höre ich blöde Sprüche. Dann gibt’s von mir aber einen dummen Spruch zurück. Mir geht es aber weniger um die persönliche Ebene, sondern um die immer wiederkehrende strukturelle Diskriminierung.

Wie sieht die aus?
Ich werde jeden Tag an mein Anderssein erinnert. In welchen Sportverein gehe ich, welche Umkleide benutze ich? Ganz schwierig ist, beim Klamottenkauf von der Männer- in die Frauenabteilung zu wechseln. Vor Kurzem habe ich ein Fernbus-Ticket gebucht. Selbst die wollten von mir wissen, ob ich ein Mann oder eine Frau bin.

Manche Eltern glauben noch heute, ihren Kindern diese Diskriminierung ersparen zu können – und stimmen Operationen zu, die das Geschlecht eindeutig festlegen sollen. Und da weibliche Geschlechtsorgane zumindest optisch einfacher zu gestalten sein sollen als männliche, werden intersexuelle Kinder oft schon kurz nach der Geburt zu Mädchen geformt…
Ich halte das für einen ganz krassen Eingriff, gerade wenn er ohne die Zustimmung des Menschen geschieht, der operiert wird. Für diese Operationen gibt es keinerlei medizinische Notwendigkeit – es geht nur um die Anpassung an eine vorherrschende Norm. In einer Gesellschaft wie unserer, die von sich behauptet, dass sie sich von überkommenen Rollenbildern löst, ist das doch absurd!

Auf was hoffen Sie in diesem Jahr?
Ich hoffe, dass mein Engagement für die dritte Option „inter/divers“ Eltern und Ärzten klarmacht, dass solche Operationen bei Kindern nicht okay sind. Ich wünsche mir, dass Intersexualität nicht mehr als Krankheit, sondern als Variation von Geschlecht wahrgenommen wird. Natürlich brauchen solche Gesellschaftsveränderungen Zeit. Aber ich hoffe einfach, dass mehr Leute beginnen nachzudenken, wenn sie selbst auf amtlichen Formularen sehen, dass es nicht nur männlich und weiblich, sondern auch eine dritte Option gibt.

Das Interview führte Andreas Wyputta.