Danke für die Kompassnadel!

Im Rahmen des 25. Kölner CSD-Empfangs des Schwulen Netzwerks NRW und der Aidshilfe NRW haben wir gestern vom Schwulen Netzwerk NRW die Kompassnadel überreicht bekommen. Wir bedanken uns von Herzen für die Auszeichnung, bei Sven Lehmann für die Laudatio (die ihr hier nachlesen könnt) und bei allen Unterstützer*innen für ihren oft langjährigen Support. Wir sind noch immer überwältigt!

Die Rede, die wir im Rahmen des Empfangs gehalten haben, könnt ihr weiter unten nachlesen.

 

Rede von Vanja und dem Dritte Option-Team anlässlich der Kompassnadel-Verleihung 2018

Ich möchte diese sehr schöne Gelegenheit dazu nutzen mich ganz herzlich zu bedanken – dafür, dass wir als Gruppe Dritte Option die Kompassnadel bekommen haben und bei allen, die in den vergangenen Jahren dieses Projekt unterstützt haben – einen dritten Geschlechtseintrag zu erklagen und dadurch mehr Öffentlichkeit zu schaffen und Rechte zu erkämpfen für inter* und trans* Menschen.

Denn auch wenn eine Einzelklage der Aufhänger dieser Kampagne war und ist, ist dieser Erfolg nur als Gruppe und durch die Unterstützung von anderen solidarischen Gruppen und Einzelpersonen möglich gewesen. Insbesondere zu erwähnen ist unser Jurateam, namentlich Louis Kasten, Katrin Niedenthal, Konstanze Plett, Friederike Wapler und Fritze Boll, die im Publikum sitzt. Louis Kasten war und ist auch im Kernteam der Kampagnengruppe aktiv und kann heute leider nicht hier oben stehen.

Wir freuen uns sehr über diesen Preis als Anerkennung unserer Arbeit der vergangenen fünf Jahre und auch als Anerkennung der Tragweite der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts.  Gleichzeitig unterstützt der Preis durch die zusätzliche Sichtbarkeit unsere noch laufende Arbeit. Denn jetzt geht es darum, dass auf Grundlage der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts eine Gesetzesänderung verabschiedet wird, bei der geschlechtliche Selbstbestimmung im Zentrum steht.

Wir setzen uns dafür ein, dass nicht schon wieder nur eine Minimallösung umgesetzt wird,
sondern das Urteil zum Anlass genommen wird endlich rechtliche Anerkennung und Gleichstellung auch für inter* und trans* Menschen herzustellen.

2013 haben wir uns als Gruppe zusammen gefunden und den Antrag auf einen Eintrag als „inter/divers“ gestellt. Wie es dazu gekommen ist, erzählt die folgende Geschichte:

Diskriminierung, bitte

Ich bin Teil einer Kampagne, um diskriminiert zu werden.

Klingt komisch, ist aber so.

Warum?

Naja, zur Zeit gilt:

Für das Gesetz gibt es mich nicht,

für die Medizin bin ich krank,

für die Psychologie gestört.

Im besten Fall ein Gendersternchen.

Ein*e nette*r Freak.

Habe keine Toilette, keinen Sportverein, keine Pronomen, keine Kleidung, keinen Platz.

Das tut weh. Das macht wütend und traurig und ängstlich.

Aber diese ganze Energie wird jetzt vor Gericht gebracht.

Habt ihr schon einmal Deutschland verklagt?

Ich möchte, dass anerkannt wird, dass es mich und andere gibt.

Als Inter*, als Hermaphrodit.

Dann kann ich auch mal sagen:

„Ey, Diskriminierung!“

Weil, wer mich jetzt als „gestört“ auf der Straße beschimpft, glaubt das gleiche wie die Psychologie.

Wer mich in Formularen übergeht, ist im Recht, weil das Recht mich nicht kennt.

Wer mich behandeln, ändern, anpassen will, will das gleiche wie die Medizin.

Darum schrei ich jetzt, bis es wer hört.

Mache mich nackt, um gesehen zu werden, und schreibe über das, wofür im Deutschen noch immer die Worte fehlen:

Mich als Hermaphrodit.

Wir haben diesen dritten Geschlechtseintrag also auch erkämpft um zu zeigen:

Intersex sein ist nichts, was korrigiert oder verhindert werden muss. Intersex sein ist nichts, was von Mediziner*innen ungefragt „weg gemacht“ werden muss. Intersex sein ist nichts, was Schwangere so sehr erschrecken sollte, dass mensch lieber kein oder ein anderes Kind bekommt als eins, das vermeintlich nicht perfekt ist.

Es hat schon immer Menschen gegeben, die von der Anatomie, von den Hormonen oder von den Chromosomen her nicht oder nicht nur „Mann” oder „Frau” waren. Und es wird Zeit das zu respektieren, anstatt es wegzuoperieren, zu verdrängen oder zu verhindern.


In der Öffentlichkeitsarbeit und in der Politikberatung setzen wir uns gemeinsam mit anderen Gruppen und Organisation sowie einzelnen inter* und trans* Aktivist*innen für ein Gesetz ein, das den Wünschen und Bedarfen der Personen entspricht, die es direkt betrifft.

Im Kern unserer Forderungen steht die Schaffung mindestens eines weiteren Geschlechtseintrags, der ohne Nachweise wie Diagnosen oder Gutachten für alle Menschen zugänglich sein muss, die ihn sich wünschen. Denn für die eigene Identität ist nur jede Person selbst Expert*in.
Wir setzen uns dafür ein, dass der Geschlechtseintrag einen Oberbegriff wie „divers“ erhält. Gleichzeitig muss diesem Oberbegriff ein deklaratorische Feld folgen, also ein Freitextfeld, in dem Menschen ihr Geschlecht eintragen lassen können, also zum Beispiel „inter“, „nicht-binär“, „agender“… Denn es gibt nunmal viel mehr als drei Geschlechter. Und wenn es 194 Möglichkeiten der Staatsangehörigkeit gibt, die in das Geburtsregister eingetragen werden können, ist uns unbegreiflich, warum das beim Geschlecht so schwierig sein soll.

Weitere zentrale Forderungen, für die wir gemeinsam mit anderen Menschen und Gruppen stehen, sind nicht direkt mit dem Personenstand verknüpft, müssen aber im Zuge der aktuellen Debatten mit umgesetzt werden.

Medizinisch nicht notwendige Operationen und Behandlungen an inter* Babies, Kindern und Jugendlichen ohne deren Einwilligung müssen endlich verboten werden.

Ein weiterer Regelungsbereich, der für inter* und trans* Personen nach wie vor mehr als unbefriedigend ist, ist die Elternschaft. Es ist heute so, dass inter* und trans* Eltern, die ein Kind gebären als Mutter eingetragen werden, unabhängig von ihrer tatsächlichen geschlechtlichen Identität. Hatten sie eine Vornamensänderung, wird diese manchmal sogar ignoriert und der alte Vorname in die Geburtsurkunde des Kindes eingetragen. Das führt zu einiger Verwirrung, wenn mensch diese Geburtsurkunde dann tatsächlich mal benutzen muss. Ein Gespräch, was sich beispielsweise beim Beantragen eines Kinderreisepasses ereignen könnte:

„Das ist aber ein süßes Kind, wie alt ist es denn?“

„Zwei, und nennen Sie es nicht süß, es könnte Sie sonst anschreien.“

„Wo ist denn die Mutter des Kindes… ähm… Frau Müller?“

„Frau Müller existiert nicht.“

„Was meinen Sie mit ’sie existiert nicht‘? Ist sie gestorben? Ich habe hier gar keine Notiz dazu…“

„Nein. Frau Müller heißt bereits seit zehn Jahren Herr Müller. Er steht vor Ihnen und ist der Vater des Kindes.“

Das klingt einigermaßen amüsant, aber nur, wenn mensch davon nicht betroffen ist. Für die betreffenden Eltern ist es ein Spießrutenlauf und ein ständiges – unfreiwilliges – Outing. Das Bundesinnenministerium plant jetzt, diese bisher nicht eindeutige Regelung mit einer Personenstandsverordnung genauso festzuschreiben und setzt damit Familien mit inter* und/oder trans* Elternteilen bewusst und ohne Not Diskriminierungen aus. Ein Zustand, der selbstverständlich geändert gehört, weswegen wir dafür plädieren, Eltern zukünftig wieder geschlechtsneutral als Eltern einzutragen – so wie es bis 2007 übrigens bei allen gehandhabt wurde; auch in euren und Ihren Originalgeburtsurkunden stehen vermutlich nur Eltern und keine Mütter oder Väter.

Dies sind nur einige Beispiele für bestehende Diskriminierungen im Recht und im Alltag. Um diese endlich zu überwinden, brauchen wir ein starkes Bündnis innerhalb der so genannten LSBT*I*Q-Communitys und darüber hinaus.

Es darf nicht dazu kommen, dass innerhalb der „queeren Communitys“ einige Bedarfe als Anliegen von vermeintlich Wenigen abgetan werden. Dies geschieht häufig in Räumen, in denen viele Perspektiven nicht vertreten sind. Und dabei denke ich nicht nur an die Dimensionen Geschlecht und sexuelle Orientierung bzw. sexuelle Identität.

Stattdessen brauchen wir alle mehr solidarisches Handeln und ein stärkeres Verständnis davon, dass es tatsächlich gemeinsame Anliegen sind, um die es geht. In der Realität sind die „queeren Communitys“ nicht voneinander zu trennen. Selbstverständlich gibt es zum Beispiel in schwulen und lesbischen Zusammenhängen sowohl cis als auch trans* Menschen, sowohl inter* als auch dyadische Menschen (also Menschen, die nicht inter* sind). Und wenn beispielsweise nur wenige trans* und/oder inter* Menschen in lsb Zusammenhängen sichtbar sind, sollte thematisiert werden woran das liegt. Dasselbe gilt für weitere (konstruierte) Personengruppen, die in den meisten queeren Zusammenhängen unterrepräsentiert sind, wie beispielsweise queere Personen of Color, mit Fluchtgeschichte und/oder mit so genannten BeHinderungen.

Lesben und Schwule wissen selbst aus eigener Erfahrung oder aus ihrer „Bewegungsgeschichte“ was es bedeutet, pathologisiert, also für krank erklärt zu werden. Homosexualität wurde 1992 aus der ICD, der Internationalen Klassifikation der Krankheiten, gestrichen. Transgeschlechtlichkeit/Transsexualität soll in der neuen ICD-11 erstmals nicht mehr als psychische Erkrankung gelistet werden. Intergeschlechtlichkeit/Intersexualität hingegen wird voraussichtlich weiterhin als Störung geführt. Die bisherigen Fortschritte wurden von Aktivist*innen hart erarbeitet und für noch ausstehende Erfolge muss weiter – gemeinsam – gekämpft werden.

Bei all den Kämpfen ist es wichtig, zwischendurch inne zu halten und unsere gesellschaftlichen und rechtlichen Erfolge zu feiern. Und wir freuen uns sehr, das heute hier gemeinsam mit euch und Ihnen zu tun.

Aber wir dürfen dabei niemals den Fehler machen uns auf Erfolgen auszuruhen. Die größte Gefahr für LSBT*I*Q-Rechte, für Akzeptanz und unsere Sicherheit in Deutschland ist derzeit nicht „der Islam” oder „die Muslime“, sondern der gesellschaftliche Backlash, vertreten insbesondere – aber nicht nur – durch die AfD und alle, die versuchen sie noch rechts zu überholen!

Wir brauchen Unterstützer*innen, die hinter, neben und manchmal auch vor uns stehen und den Mund aufmachen, wenn wir mal wieder beleidigt und angegriffen werden. Das gilt auch für uns selbst, denn wir alle müssen dafür sorgen, dass ALLE Menschen in Sicherheit und Würde leben können.

Es ist so wichtig wie eh und je, dass Menschen sich nicht wegducken, sondern für ihre und unsere Rechte kämpfen und, wenn möglich, Sichtbarkeit zeigen, so wie Vanja es getan hat und tut. Das verdient große Wertschätzung und wir freuen uns sehr, dass diese Wertschätzung durch die Kompassnadel zum Ausdruck gebracht wird.

Herzlichen Dank!