OLG Celle lehnt Geschlechtseintrag inter/divers ab

Das OLG Celle hat am 21.01.2015 die Beschwerde von Vanja abgelehnt. Vanja wollte mit der Beschwerde gegen den Beschluss des Amtsgericht Hannover an das OLG Celle eine geänderte Geburtsurkunde erlangen, in der Vanjas Geschlechtsidentität korrekt mit “inter/divers” angegeben wird.
Die Entscheidung der OLG Celle ist ein klares: Ja, aber…
JA, ein rein binäres Geschlechtersystem bestehend aus “männlich” und “weiblich” wäre verfassungswidrig, da es gegen das grundgesetzlich geschützte Persönlichkeitsrecht von Menschen verstoßen würde, die weder eine männliche noch eine weibliche geschlechtliche Identität haben.
ABER, die mittlerweile in § 22 Abs. 3 PStG geregelte Möglichkeit den Eintrag offen zu lassen reicht aus.

Dass die Kampagne für eine Dritte Option beim Geschlechtseintrag dies anders sieht, hat sie bereits in der Beschwerdebegründung ausführlich dargelegt. Vanja wird daher gemeinsam mit den Unterstützer*innen der Kampagne für eine dritte Option den nächsten Schritt zum Bundesgerichtshof gehen. Allerdings sehen sie trotz der letzlich ablehnenden Entscheidung im Grunde ihre Rechtsauffassung, dass der Staat geschlechtliche Identitäten jenseits von Mann und Frau anerkennen muss, durch das OLG bestätigt.

Den Beschluss des OLG Celle findet ihr hier.

Vanja im taz-Interview: „Ich bin weder Mann noch Frau“

Vanja hat der taz ein Interview gegeben. Das könnt ihr auf taz.de oder im Folgenden lesen:

Vanja über die Kampagne für eine dritte Option
„Ich bin weder Mann noch Frau“
Vanja, intersexuell, über das Fehlen einer dritten Option in amtlichen Dokumenten, dumme Sprüche, krasse Operationen und strukturelle Diskriminierung.

taz: Vanja, was wird für Sie im Jahr 2015 wichtig?
Vanja: Zu sehen, wie es mit der Einführung der dritten Geschlechtsoption weitergeht. Stellvertretend für viele versuche ich, das Geschlechtsmerkmal in meinem Reisepass in „inter/divers“ ändern zu lassen. Einfach ist dieser Weg durch die Gerichtsinstanzen nicht: Mittlerweile liegt die Klage beim Oberlandesgericht in Celle.

Warum gerade in Celle – Sie leben doch in Köln?
Stimmt. Geboren bin ich aber in Gehrden bei Hannover. Und um mein Geschlechtseintrag im Pass ändern zu lassen, muss erst einmal meine vom dortigen Standesamt geführte Geburtsurkunde geändert werden. Das aber wollten die Beamten nicht machen. Die waren zwar sehr freundlich, haben mir aber gleich gesagt, dass sie meinen Antrag ans Amtsgericht Hannover weiterreichen werden. Jetzt liegt die Sache in Celle. Mit Hilfe meiner Unterstützer gehe ich aber notfalls bis vor’s Bundesverfassungsgericht.

Warum ist es Ihnen so wichtig, dass im Pass „inter/divers“ steht? Seit dem Jahr 2013 kann der Geschlechtseintrag in amtlichen Dokumenten doch auch einfach weggelassen werden?
Gerade dieser Nicht-Eintrag ärgert mich. Stellvertretend für viele intersexuelle Menschen will ich etwas gegen die Unsichtbarkeit tun, die uns immer noch umgibt.

Inwiefern?
Aktuell ist es so: Zwar leben in Deutschland mindestens 80.000 Menschen, die wie ich sagen: Ich bin weder Mann noch Frau. Trotzdem wird so getan, als gäbe es uns gar nicht. Intersexualität wird von Staat und Gesellschaft als nicht gleichwertig betrachtet. Wenn es in amtlichen Urkunden zwar die Kategorien männlich und weiblich gibt, Intersexualität aber verschämt verschwiegen wird, ist die fehlende Gleichberechtigung doch offensichtlich.

Ist das nicht hochtheoretisch?
Der Eintrag „inter/divers“ in amtlichen Papieren ist natürlich nur ein erster Schritt, ein selbst gewähltes, selbstbewusstes Symbol für das Ende der Unsichtbarkeit.

Warum?
Noch heute legen oft Ärzte oder Hebammen fest, ob ein Neugeborenes männlich oder weiblich sein soll. Da wird dann manchmal ein Geschlecht festgelegt, das gar nicht passt – schließlich ist Intersexualität sehr vielfältig. Das Geschlecht macht sich nicht nur am Körper fest.

Sondern?
Auch biologisch ist das Geschlecht komplex. Es spielen Chromosome, Hormone und andere Faktoren eine Rolle. Dazu dann die Frage nach der eigenen Identität – also wie ich mich ganz persönlich fühle. Bei mir etwa ist erst in der Pubertät festgestellt worden, dass ich keine Frau bin – aber eben auch kein Mann.

War das nicht völlig verunsichernd – als Teenager?
Sehr sogar. Mein Anderssein habe ich erst einmal verdrängt. Darüber geredet habe ich nicht. Ich hätte gar keine Worte gehabt, um auszudrücken, wie ich mich fühle.

Und dann?
Eine Zeit lang habe ich versucht, als Mädchen, als junge Frau zu leben.

Heute tragen Sie einen Bart.
Ja, weil ich andere Geschlechtshormone nehme. Darauf bin ich angewiesen, weil mein Körper nicht so viele dieser Hormone produziert. Früher habe ich mich eher weiblich gegeben, jetzt gebe ich mich anders. Das passt besser zu mir.

Also fühlen Sie sich jetzt eher als Mann denn als Frau? Oder ist das viel zu sehr in überkommenen Geschlechterklischees gedacht?
Mit der Männerrolle komme ich etwas besser klar als mit der einer Frau, das stimmt schon. Trotzdem kann ich nicht behaupten, dass ich ein Mann bin. Natürlich könnte ich jetzt versuchen, mich möglichst männlich zu geben, dieses Rollenbild zu erfüllen. Aber dann würde ich wieder einen Teil von mir verstecken.

Ist es nicht unheimlich anstrengend für Sie, sich nicht einem der gesellschaftlich vorgegebenen Rollenbilder zu beugen?
Natürlich gibt es Leute, die verwirrt sind, wenn sie die Welt nicht in Schwarz und Weiß einteilen können. Die reagieren verunsichert, manchmal auch aggressiv.

Sie werden öfter blöd angemacht.
Manchmal höre ich blöde Sprüche. Dann gibt’s von mir aber einen dummen Spruch zurück. Mir geht es aber weniger um die persönliche Ebene, sondern um die immer wiederkehrende strukturelle Diskriminierung.

Wie sieht die aus?
Ich werde jeden Tag an mein Anderssein erinnert. In welchen Sportverein gehe ich, welche Umkleide benutze ich? Ganz schwierig ist, beim Klamottenkauf von der Männer- in die Frauenabteilung zu wechseln. Vor Kurzem habe ich ein Fernbus-Ticket gebucht. Selbst die wollten von mir wissen, ob ich ein Mann oder eine Frau bin.

Manche Eltern glauben noch heute, ihren Kindern diese Diskriminierung ersparen zu können – und stimmen Operationen zu, die das Geschlecht eindeutig festlegen sollen. Und da weibliche Geschlechtsorgane zumindest optisch einfacher zu gestalten sein sollen als männliche, werden intersexuelle Kinder oft schon kurz nach der Geburt zu Mädchen geformt…
Ich halte das für einen ganz krassen Eingriff, gerade wenn er ohne die Zustimmung des Menschen geschieht, der operiert wird. Für diese Operationen gibt es keinerlei medizinische Notwendigkeit – es geht nur um die Anpassung an eine vorherrschende Norm. In einer Gesellschaft wie unserer, die von sich behauptet, dass sie sich von überkommenen Rollenbildern löst, ist das doch absurd!

Auf was hoffen Sie in diesem Jahr?
Ich hoffe, dass mein Engagement für die dritte Option „inter/divers“ Eltern und Ärzten klarmacht, dass solche Operationen bei Kindern nicht okay sind. Ich wünsche mir, dass Intersexualität nicht mehr als Krankheit, sondern als Variation von Geschlecht wahrgenommen wird. Natürlich brauchen solche Gesellschaftsveränderungen Zeit. Aber ich hoffe einfach, dass mehr Leute beginnen nachzudenken, wenn sie selbst auf amtlichen Formularen sehen, dass es nicht nur männlich und weiblich, sondern auch eine dritte Option gibt.

Das Interview führte Andreas Wyputta.

„Es fehlt am Willen“

Auf taz.de ist ein Artikel über unsere Kampagne/Klage und die rechtliche und gesellschaftliche Situation für Inter*- und Trans*Menschen in der BRD erschienen. Dafür hatte Moritz aus unserer Kampagnengruppe der taz ein Interview gegeben.
Hier der komplette Artikel:

Geschlecht „unbekannt“?
Eine dritte Geschlechterkategorie muss her: Vanja ist dabei, sich sein/ihr Ich einzuklagen. Am Samstag informieren Aktive der Initiative „Für eine dritte Option“ über den Prozess*

Männlich, weiblich, unbekannt. Seit der Änderung des Personenstandsgesetzes 2013 können Eltern die Zuweisung ihrer intergeschlechtlicher Kinder in das binäre Geschlechtersystem Mann/Frau hinauszögern. Bisher musste innerhalb weniger Wochen eine Entscheidung getroffen werden. Nicht nur auf dem Papier, auch operativ wurde dabei ungeachtet der Entwicklung und Wünsche der Kinder entschieden. Weil eine Anpassung hin zu weiblichen Geschlechtsorganen chirurgisch unkomplizierter ist, fiel die Entscheidung dabei oft ganz pragmatisch.

Dass das nicht tragbar ist, meinen nicht nur die Betroffenen, sondern auch der Ethikrat der Bundesregierung und eine UN-Kommission. Sie empfehlen die Einführung einer dritten Geschlechterkategorie. Die jüngste Erweiterung um die Nicht-Kategorie „unbekannt“ ist dafür allerdings nicht ausreichend, sondern lediglich als Platzhalter auf dem Weg hin zu einer Festlegung gedacht. Der Realität gelebter Genderidentitäten in diesem Land wird sie damit nicht gerecht. All jene Personen, die sich auch im Erwachsenenalter nicht durch das binäre System einfassen lassen, bleiben außer acht.

Menschen wie Vanja (25). Sein/ihr Antrag soll einen Präzedenzfall schaffen für eine dritte Option „inter/divers“ anstelle des temporären „unbekannt“. Das Amtsgericht Hannover hat abgelehnt. Jetzt liegt der Fall beim Oberlandesgericht Celle. Moritz Schmidt und seine Mitstreiter_innen der Initiative „3. Option“ begleiten Vanja. Wenn nötig, bis zum Bundesverfassungsgericht.

Dass sie vor dem Verwaltungsgericht Hannover gescheitert sind, überrascht Moritz nicht. Solche Dinge würden selten auf dieser Ebene entschieden. Engagiert habe man sich dort aber bestimmt nicht. „Auf unsere juristischen Argumente wurde gar nicht erst eingegangen“, erzählt Moritz. Die Ablehnung wog lediglich einen Zweizeiler schwer: Nach „§§ 21 Abs. 1 Nr. 3, 22 Abs. 3 PStG sei das Geschlecht eines Kindes mit ,weiblich‘ oder ,männlich‘ oder ohne eine solche Angabe einzutragen.“ Der beratende Jurist der Initiative sieht das anders: Die konkrete Benennung „männlich/weiblich/unbekannt“ sei lediglich in einer Verwaltungsvorschrift festgeschrieben, die für Gerichte nicht bindend sei. Hier wäre also durchaus Spielraum gewesen, es fehlt am Willen. Für Moritz ein weiterer Beweis dafür, das Inter- und Transpersonen nicht mitgedacht würden.

Eine dritte Option „Inter/Divers“ könnte Abhilfe schaffen. So würden intergeschlechtliche Personen und solche, die sich nicht über ein binäres Geschlechtersystem definieren können, auch juristisch sichtbar gemacht. Damit wäre außerdem eine Grundlage geschaffen, um Dinge im Sinne des Antidiskriminierungsgesetzes einklagen zu können. Zum Beispiel genderneutrale Toiletten in öffentlichen Räumen. Wo Person dann das Häkchen setzt, muss natürlich auf freiwilliger Basis und nicht nach medizinischen oder biologischen Kategorien entschieden werden, betont Moritz. Denn es gibt durchaus intergeschlechtliche Menschen die sich klar als männlich oder weiblich verstehen.

Das letzte Mal wurde 2003 eine ähnliche Klage eingereicht. Schon damals fürchteten die Gerichte mit der Einführung einer dritten Option etwas, das sie „Rechtsunsicherheit“ nennen. Das ist skurril, denn eigentlich ist es der jetzige Zustand, der eine solche Unsicherheit schafft. Für die Betroffenen. Nur weil der Prozess hinzu einer inklusiven Gesellschaft kompliziert sei, könne man die Realität ja nicht ignorieren, meint Moritz. Das ist wohl generell das Problem konservativer Politik. Insofern sind es gar nicht die Que(e)rschläger, die sich die Welt so machen, wie sie ihnen gefällt. Denn das bekommt man oft zu hören: Wo kommen wir denn da hin? Stellt euch nicht so an! Die üblichen Abwehrmechanismen. Dabei war Deutschland mal recht fortschrittlich, mit dem Transsexuellengesetz 1980. Inzwischen ist die hiesige Rechtsprechung überholt. Neuseeland, Pakistan, Indien und Bangladesch zum Beispiel haben bereits eine dritte Option eingeführt. „Ich verstehe manchmal gar nicht, was manche Menschen dazu bewegt, so starr zu sein. Vor allem, weil es die Leute ja nicht direkt betrifft“, wundert sich Moritz. Den Leuten, die meinen, die Betroffenen würden sich anstellen und es wäre ja alles nicht so schlimm, empfiehlt er, sich einfach mal entgegen der eigenen Geschlechtsidentität zu verhalten. Auf ein Klo zu gehen, wo Mensch ständig rausgepöbelt wird, oder das Kreuz beim anderen Geschlecht zu machen. Sich entgegen der gesellschaftlichen Wahrnehmung zu verhalten. „Dann merken die ganz schnell, was für Reaktionen das hervorruft und auf was für Widerstände man da stößt.“

SYBILLE BIERMANN

*Am Samstag, 20. Dezember informiert die Kampagnengruppe „Für eine dritte Option“ im rollstuhlgerechten antisexistischen Infoladen f.a.q. in Berlin (Jonasstraße 40) ab 16 Uhr über die Situation von Inter*, Trans* und Queers, die Rechtslage, Hintergründe der Kampagne und Klage für eine dritte Option und Unterstützungsmöglichkeiten.

Beschwerde eingereicht – juristische Auseinandersetzung um alternativen Geschlechtseintrag geht weiter [Korrektur]

Die Auseinandersetzung um eine dritte Option beim Geschlechtseintrag geht in die nächste Runde. Der von Vanja eingereichte Antrag, den Geschlechtseintrag in „inter/divers“ ändern zu lassen, wurde im Oktober vom Amtsgericht Hannover abgelehnt. Gegen diesen Beschluss hat Vanja heute Beschwerde eingelegt.

Die äußerst knappe Begründung des Amtsgerichts Hannover beinhaltet im Wesentlichen die Annahme, nach „§§ 21 Abs. 1 Nr. 3, 22 Abs. 3 PStG sei das Geschlecht eines Kindes mit ‘weiblich’ oder ‘männlich’, oder ohne eine solche Angabe einzutragen.“ In der Beschwerde wird die Ansicht vertreten, dass diese Annahme nicht der Gesetzeslage entspreche. Der die Klage fachlich begleitende Jurist* Louis Kasten betont, in § 21 Abs. 1 Nr. 3 PStG werde lediglich festgelegt, dass das Geschlecht einzutragen sei. Die Benennung des Geschlechts als „männlich“ oder „weiblich“ ergebe sich einzig aus einer ergänzenden Verwaltungsvorschrift, welche jedoch für das Gericht nicht bindend sei. Des Weiteren bezieht sich die Beschwerdebegründung darauf, dass der erst seit Herbst 2013 geltende § 22 Abs. 3 PStG nur den Fall erfasst, dass das Geschlecht unbekannt ist. Nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichtes ist das Geschlecht im Sinne des Personenstandes die Geschlechtsidentität. Die Geschlechtsidentität Vanjas ist jedoch nicht unbekannt, sondern bereits klar artikuliert. Daher wäre die Angabe „unbekannt“ ebenso falsch wie die Angabe „männlich“ oder „weiblich“.

Mit der Klage erhoffen sich die Aktivist*innen auch eine Verbesserung der gesellschaftlichen Situation von Trans*- und Inter*personen. „Heute findet der ‘Transgender Day of Remembrance’ statt. Wir haben diesen Termin bewusst zur Einreichung der Beschwerde gewählt, um zu verdeutlichen, dass es immer noch auf vielen Ebenen Missstände, Diskriminierung und Gewalt gibt,“ so Moritz Schmidt, Sprecher der Initiative.

Mit der Beschwerde muss sich nun das Landgericht Hannover auseinandersetzen. Schmidt: „Wir sind entschlossen im Zweifel bis vor das Bundesverfassungsgericht zu ziehen, um die fundamentalen Rechte von Inter*- und Trans*personen einzuklagen.“

Den Beschwerdetext findet ihr hier.

[Korrektur] Anscheinend ist doch nicht das Landgericht Hannover zuständig, sondern das Oberlandesgericht Celle. Von diesem erhielten wir nun zumindest das Aktenzeichen unter dem sie das Verfahren führen.

Amtsgericht Hannover lehnt Personenstandeintrag „inter/divers“ ab – Beschwerde folgt

Der Antrag auf Änderung des Personenstands hin zu dem Eintrag “inter/divers”, den „Vanja“ zusammen mit Unterstützer*innen der Kampagne „Für eine dritte Option beim Geschlechtseintrag“ am 28.07.2014 beim Standesamt in Gehrden eingereicht hatte, wurde nun durch das Amtsgericht Hannover abgelehnt. Das geht aus einer aktuellen Pressemitteilung des Amtsgerichts hervor.

Der mit Presse-Begleitung eingereichte Antrag war nötig geworden, da das Bundesverfassungsgericht zwar die Geschlechtsidentität als Teil des grundgesetzlich geschützten Persönlichkeitsrechts ansieht, eine entsprechende juristische Anerkennung von transidenten und/oder intergeschlechtlichen Personen, die weder „männlich“ noch „weiblich“ sind jedoch bisher nur unzureichend stattgefunden hat. Daher strebt „Vanja“ mit der beantragten Eintragung als „inter/divers“ im Geburtenregister eine rechtliche Klärung an.

Die Richterin Gudrun Eichloff-Burbließ sah sich aufgrund der aktuellen Gesetzeslage nicht befugt, dem Antrag stattzugeben. Auch einen Verfassungsverstoß aufgrund der aktuellen Fassung des Personenstandsgesetzes vermag sie nicht zu erkennen, weshalb die Sache entgegen der Anregung von Vanjas Anwältin Katrin Niedenthal nicht dem Bundesverfassungsgericht vorgelegt wurde.
Der Beschluss beschränkt sich in der Begründung auf die in der heute vom AG Hannover herausgegebene Presseerklärung. Im Folgenden ein Auszug aus dem Beschluss: „Der Antrag […] die Eintragung im Geburtenregister des Standesamtes Gehrden […] dahingehend zu berichtigen, dass die Geschlechtsangabe weiblich geändert wird in die Angabe ‚inter‘ oder ‚divers‘ wird zurückgewiesen. Denn die Eintragung eines dritten Geschlechts ist auch nach Inkrafttreten des Personenstands-Änderungsgesetzes nicht möglich.
Nach den seit dem 1.5.2014 bzw. 1.11.2013 geltenden §§21 Abs. 1 Nr. 3, 22 Abs. 3 PstG ist das Geschlecht eines Kindes mit ‚weiblich‘ oder ‚männlich‘, oder ohne eine solche Angabe einzutragen. Die Angabe des Geschlechts mit ‚inter‘ oder ‚divers‘ ist nicht vorgesehen. Dass diese Regelung nicht verfassungsgemäß ist, vermag das Gericht nicht zu erkennen, so dass keine Vorlage an das Bundesverfassungsgericht zu erfolgen hat.“ Weitere Ausführungen erfolgten nicht.

Vanja hat bereits erklärt, gegen diese Ablehnung Beschwerde einlegen zu wollen. Sollte auch in der zweiten Instanz der Antrag abgelehnt werden, wird Vanja gemeinsam mit den Unterstützer*innen der Kampagne den Rechtsweg bis zum Bundesverfassungsgericht einschlagen. Anders als das Amtsgericht gehen Vanja und die Kampagne „Für eine dritte Option beim Geschlechtseintrag“ nicht davon aus, dass das Personenstandsgesetz eine Eintragung als „weiblich“ oder „männlich“ vorschreibt. Denn wie die Rechtsanwältin Katrin Niedenthal erläutert, schreibt § 21 PStG lediglich vor, dass „das Geschlecht“ der Person einzutragen sei. Damit muss eine verfassungskonforme Auslegung des PStG zu dem Schluss führen, dass auch weitere Eintragungen als die bisher üblichen zulässig sind.

In Bezug auf die vom AG Hannover angesprochene Neuregelung des § 22 Abs.3 PStG erklärt Moritz Schmidt, Pressesprecher der Kampagne, dass im – sehr kurzfristig durchgeführten – Gesetzgebungsverfahren versäumt wurde, eine Regelung für erwachsene Menschen zu treffen, die von dem persönlichkeitsrechtsverletzenden Zwang zur Geschlechtszuordnung zu ausschließlich „Mann“ oder „Frau“ betroffen sind.

Die genaue juristische Argumentation findet sich im eingereichten Antrag.

Der Inter*Trans*Express ist endlich da!

Mit dem Inter*Trans*Express nach Queertopia – mit Zwischenstopps am Sockenregal, in der Selbsthilfegruppe und dort, wo es am Horizont glitzert.

Das Buch verhandelt Kurzgeschichten, Gedichte und Zeichnungen von Alltag und Widerstand als Genderoutlaw. Es beschreibt persönliche Erfahrungen und macht damit Inter*Perspektiven sichtbar. Dem vermeintlichen Expert*innentum und der Pathologisierung seitens der Medizin und Psychologie wird hier eine emanzipatorische Selbstdefinition von Geschlecht außerhalb der Kategorien Mann oder Frau entgegengesetzt.

Noch immer gibt es im deutschsprachigen Raum mit wenigen Ausnahmen kaum Bücher über Intersexualität, in denen Inter* selbst zu Wort kommen – anstelle von vermeintlichen Expert*innen.
Es soll ohne zu viel (Gender)Theorie – aber mit emanzipatorischem Anspruch – klar werden, was es in der Realität bedeutet, in eine Welt der Männer und Frauen geboren zu werden – ohne selbst eines von beiden zu sein.
Manchmal traurig, manchmal wütend, manchmal einfach nur verwirrt oder belustigt von dieser Zwei-Geschlechter Matrix. Weiterlesen

Der erste „offizielle“ Schritt auf dem Weg zu einer dritten Option ist gemacht!

Am Montag – 28. Juli – haben wir am Standesamt Gehrden bei Hannover den Antrag auf Änderung einer Geburtsurkunde hin zum Geschlechtseintrag „inter/divers“ eingereicht. Hier findet ihr einen kleinen Pressespiegel dazu.

Die Standesbeamtin, die den Antrag entgegen genommen hat, hat signalisiert, dass sie ihn direkt ans Amtsgericht Hannover weiterleiten wird. Wir sind gespannt auf den nächsten Schritt! Leider wissen wir überhaupt nicht, wann es vor dem Amtsgericht weiter geht. Aber wir informieren euch, sobald wir was wissen.

Wir möchten uns von Herzen bei Allen bedanken, die uns im Vorfeld und gestern vor Ort in Gehrden und Hannover auf vielfältige Weise unterstützt haben!

Wir haben euch hier auch den Antrag hochgeladen. Er ist um einen Großteil der persönlichen Angaben gekürzt. Er darf gerne als Vorlage verwendet werden, falls ihr selbst einen solchen Antrag stellen möchtet.

Mit Transpi vor dem Rathaus Gehrden

Mit Transpi vor dem Rathaus Gehrden

Her mit einer dritten Option beim Geschlechtseintrag – Jetzt geht’s richtig los!

Nach Monaten der juristischen Vorbereitung und Kampagnenarbeit wird am 28. Juli 2014 ein Antrag auf Änderung einer Geburtsurkunde eingereicht, die den Geschlechtseintrag „inter*/divers“ enthalten soll. Das ist der erste „offizielle“ Schritt auf unserem juristischen Weg hin zu einer dritten Option beim Geschlechtseintrag. Sollte das Standesamt den Antrag ablehnen – was wahrscheinlich ist – folgt eine Klage beim Amtsgericht Hannover.

Wir möchten uns für die zahlreiche Unterstützung, die wir bisher schon erfahren haben, herzlich bedanken, und laden euch ein, am Standesamt dabei zu sein und/oder die Antragstellung mit uns zu feiern.

Am 28. Juli begleiten wir am Standesamt Gehrden bei Hannover die Person, die dort gegen 11 Uhr ihren Antrag auf die Berichtigung ihrer Geburtsurkunde einreichen wird. Im Anschluss möchten wir diesen Auftakt ab 17 Uhr im Veranstaltungszentrum Schwule Sau in Hannover (Schaufelder Str. 30a) mit euch feiern. Es wird eine kurze Kampagnenvorstellung, Kuchen, Musik und die Gelegenheit für Austausch geben. Wir freuen uns auf euch!

Die Kampagnengruppe für eine Dritte Option

Bei Fragen – z.B. zum Antrag oder zur „Reiseplanung“ – meldet euch gerne unter info@dritte-option.de.

Statement des Menschenrechtskommissars des Europarats

Nils Muižnieks, der Menschenrechtskommissar des Europarats, hat am 9. Mai ein Statement zur Situation von Inter* veröffentlicht, in dem er auch Forderungen an Regierungen formuliert. Hier ein Auszug:

„I urge governments in Europe to review their current legislation and medical practices to identify gaps in the protection of intersex people and take measures to address the problems. Policy makers should involve civil society advocates of intersex persons such as the OII Europe and ILGA-Europe in these efforts. The enjoyment of human rights is universal and it cannot depend on the sex of the person. Intersex individuals must be granted full legal recognition from birth and amendments to their sex or gender classification should be facilitated to reflect their individual choices.“

Das komplette Statement findet ihr hier.